Ich nicht, bisher. Ein Blick auf die Homepage zeigt, dass es ein Besserwisser-Verlag ist:
"Interessieren Sie sich für Archäologie und die Geschichte der Menschheit? – Haben Sie auch schon manches Mal bemerkt, dass diese nicht immer so verlaufen ist, wie uns die Archäologen und Historiker glauben lassen wollen? – Dann sind Sie auf dem Online-Katalog von Ancient Mail genau richtig!!"
Die
bemerkt man, dass die Geschichte nicht so verlaufen ist,
wie uns die Fachleute glauben lassen wollen? Das
erkenntnistheoretische Problem. Warum wollen uns die
Fachleute was falsches glauben lassen? Das
wissenschaftstheoretische (und ein moralphilosophisches)
Problem. Na, egal. Ich komme drauf, weil ein Buch von
Nicolas Benzin auf meinem Schreibtisch liegt:
Giordano Bruno und die
okkulte Philosophie der Renaissance. Das klingt
doch wie ein ernstzunehmender Titel. Aber der
Verlagsname macht einen misstrauisch, und wenn man das
Programm liest, wird's nicht geringer.
Und wer ist Benzin? Ein Diplom-Finanzwirt und
Angehöriger der Bundesfinanzverwaltung, der sich
nebenberuflich mit Archäologie und anderen interessanten
Dingen beschäftigt. Und Präsident der Giordano
Bruno-Gesellschaft e.V.
Aber wer mit dem Verlag nichts anfangen kann, wird auch
mit der Gesellschaft nichts anfangen können, denn die
arbeitet in die gleiche Richtung. Das Vorwort stammt von
einem Dieter Vogl. Der findet es z.B. bemerkenswert,
"dass [Brunos] Gedankenwelt überhaupt nicht im Einklang mit seiner Zeit stand. Und, was bislang nicht zu erklären ist, dass diese auf einem teleologischen ästhetischen Pantheismus basierenden Gedanken eigentlich aus dem Hier und Heute stammen könnten."
Das
muss man wohlwollend lesen; es bedeutet eigentlich, dass
Vogl denkt, die Gedanken Brunos stammen aus dem Hier und
Heute. Dahinter kann man dann auch ahnen, was uns die
Historiker und Archäologen verschweigen wollen (s.o.).
Was soll der denkende Mensch mit Vogls Feststellung
anfangen, dass Bruno "über Sachverhalte schreibt, die er
gar nicht gewusst haben kann"? Da bleibt nur der Raum
für die Schlussfolgerung, dass Bruno eigentlich aus der
Gegenwart stammt. Ein Zeitreisender. Schön, dass Brunos
Schriften heute "in allen Teilen der Bevölkerung auf so
große Resonanz" stoßen, wie Vogl weiß (natürlich auch
Mitglied der Gesellschaft; er hat mit Benzin zusammen
die "Urmatrix" der Erzeugung menschlicher Organe
kabbalistischen Schriften der Antike entnommen).
Nun wird man neugierig, für welche Gedanken Brunos
Benzin diese Inkompatibilität mit dem Weltbild seiner
Zeit annimmt. Auf S. 54 wird man zum ersten Mal fündig:
1591 hat Bruno ein Buch "Von der Monas, der Zahl und der
Figur" veröffentlicht, ähnlicher Titel wie eine Schrift
John Dees von 1564. Dazu Benzin:
"Was mag wohl die "Monas hieroglyphica darstellen? Wenn man Monas als den "Urgrund allen Seins übersetzt und hieroglyphisch mit "heiliges Zeichen darstellend", die Abbildung mit uns heute geläufigen Symbolen vergleicht, dann kommen wir zu dem Schluss, dass es sich um eine Urzelle gehandelt haben muss. Somit liegt bereits 1564 ein Buch zur Zellbiologie vor."
Das
weitere Argument dafür brauche ich wohl nicht auch noch
zu zitieren. Ein Musterbeispiel eines abduktiven
Schlusses (Schluss auf die beste Erklärung), der
natürlich daran hakt, dass das Urteil darüber, was eine
"beste Erklärung" ist, durch keine Kenntnis getrübt ist.
Ich muss gestehen, dass ich ganz gern in solchen Büchern
lese, das ist eine Art Grenzerfahrung. Hinter meinen
Grenzen ist das Gedankengebäude ganz bestimmt, und man
kann immerhin zitieren: " ... so hat es doch Methode."