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Der Dorje - Eine Waffe der Götter? von Thomas Ritter |
Zahlreiche (Welt-)Religionen dürften aus einem menschlichen Verhalten entstanden sein, das „Cargo-Kult" genannt wird. Cargo-Kulte bezeichnen das Verhalten von Menschen, die in den Besitz von Gegenständen einer technisierten Zivilisation gelangen und diesen „Gütern" (engl. Cargo) eine religiöse Verehrung entgegenbringen, da sie der Auffassung sind, daß die Gegenstände „göttlichen" Ursprungs sind.
Es gibt in der Historie zahlreiche Belege für derartige Kulte:
Der „königlich-englische" Pirat Francis Drake - später wegen seiner „Verdienste" um England geadelt und zum Admiral ernannt - schrieb in sein Logbuch, als er zwischen 1577 und 1580 auf seiner Weltumsegelung an der Westküste Nordamerikas zwischenlandete: „Die Indianer kamen in großen Scharen mit Pfeil und Bogen bewaffnet heran, jedoch nicht mit dem Vorsatz, uns zu bekriegen. Vielmehr waren sie von den vielen neuen und unbekannten Dingen entzückt und dachten nicht an Kampf, sondern verehrten uns als überirdische Wesen. Wir versuchten, ihnen klarzumachen, daß wir gar keine Götter seien, sondern gewöhnliche Sterbliche. All das vermochte sie jedoch nicht von ihrer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen."
Auf Tahiti hielten zwei Jahrhunderte später die Eingeborenen Captain James Cook für den zurückgekehrten Gott Rongo, der die Insel einst auf seinem „Wolkenschiff" verlassen hatte.
Der Naturforscher Frank Hurley stellte in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts fest, daß die Eingeborenen Neuguineas nicht nur ihm, sondern sogar seinem Wasserflugzeug religiöse Verehrung entgegenbrachten. Allabendlich opferten sie am Bug der Maschine ein Schwein. Das gelandete Flugzeug wurde von ihnen als „Teufel, der vom Himmel kam", bezeichnet.
Auch in zwei der größten Weltreligionen, dem Buddhismus und dem Hinduismus, lassen sich einzelne Elemente eines Cargo-Kultes erkennen. Dies wird insbesondere bei der Charakterisierung der Götter des frühen Hinduismus deutlich. Die Hauptgottheiten sind Sonnen-, seltener Mondgötter. Ihre Mythologie ist alles andere als fatalistisch. Sie verspricht die Freiheit und den Sieg des Menschen. Kein Wunder, daß es sich bei diesen Gottheiten zumeist um Kriegsgötter handelt, die mit den entsprechenden Waffen dargestellt werden. Eine der mächtigsten Waffen ist der Dorje, vergleichbar mit dem „Donnerkeil" der griechischen Hauptgottheit Zeus.
Die plastische Darstellung eines solchen Dorje besteht heute aus einer Bronzelegierung. Grundform des Dorje ist ein zylinderförmiger oder aber mehrkantiger Stab mit einem walzenförmigen Griff in der Mitte. An beiden Enden des Stabes befinden sich jeweils Gebilde, die stark an stilisierte Kronen erinnern. Diese Kronen werden von aus Metall nachgeformten symbolischen Flammen gebildet. Dies soll ein Hinweis auf die mächtigen Energien sein, welche von einem solchen Dorje ausgehen konnten.
Heute wird die Kraft des Dorjes vor allem auf geistige Wirkungen bezogen. Deshalb ist er unentbehrlicher Gegenstand bei zahlreichen Ritualen. Wir finden den Dorje daher heutzutage nicht mehr ausschließlich nur im hinduistischen Glauben, sondern auch im tibetischen Buddhismus. Dort ist er aus den zahlreichen religiösen Zeremonien und Meditationen nicht mehr hinwegzudenken. Immer aber steht der Dorje im Rahmen der Rituale für (geistige) „Stärke, Macht und Vervielfachung der Kraft". Gleichwohl sind sich die Hindu-Priester in den drawidischen Tempeln Südindiens mit den buddhistischen Mönchen in den Klöstern Tibets und Ladhaks darin einig, daß das einstige Vorbild ihrer heutigen Ritualgegenstände nicht ausschließlich geistige Energien, sondern tatsächlich auch physikalisch meßbare Energieströme - dem Plasma im Innern eines Teilchenbeschleunigers vergleichbar - zu produzieren imstande war.
Im frühen Hinduismus, zur Zeit des Einfalls der aus Innerasien kommenden arischen Stämme in die Gebiete des heutigen Pakistan und Indien, galt der Dorje als Waffe des Gottes Indra, des Königs der vedischen Götter. Indra war nicht so sehr Herrscher, sondern vielmehr Held. Er galt seinen Anhängern als verläßlich und stark. Die vedische Mythologie überliefert als seine größte Tat den Sieg über Writra, das Symbol für Chaos, Unwissenheit und Finsternis. Bedeutenden Anteil am Sieg Indras hatte der Dorje, die vernichtende Waffe des Gottes. So steht es geschrieben im Rigveda, der um etwa 1.200 v. Chr. verfaßten, ältesten vedischen Schrift. Writra wird in diesem Mythos als „Riesendämon" beschrieben, als Wesen einer anderen Welt, das allem Irdischen feindlich gesinnt ist. Manche Kommentare des Rigveda deuten Writra aber auch als Symbol für eine ältere kosmische Ordnung, die von Indra zerstört wurde. In seinem Kampf gegen Writra benutzte Indra den Dorje, der zerstörerische Blitze und hallenden Donner gegen Writra schleuderte und diesen schließlich vernichtete.
Die destruktive Wirkung von Indras Dorje läßt sich mit den im Mahabharata, dem ältesten indischen Epos, beschriebenen „Himmelspfeilen" der Götter und Helden vergleichen, die auch in der mörderischen „Zehn-Königs-Schlacht" zum Einsatz kamen. Das Mahabharata besteht aus 108.000 Doppelversen - es ist damit das längste, jemals verfaßte Gedicht. Seine ältesten Teile wurden im 4. Jahrhundert v. Chr. verfaßt. Doch die Quellen des Epos sind weitaus älter - einige Geschichten waren bereits um 1.000 v. Chr. bekannt. So taucht auch Indra, der vedische Sonnengott, der im 4. Jahrhundert v. Chr. kaum mehr als eine Gestalt aus Volkssagen war, in den frühen Texten des Mahabharata wiederholt auf. Über die Verwendung der Himmelspfeile weiß das Mahabharata im 8. Buch folgendes zu berichten: „Gurkha schleuderte von Bord seiner Vimana einen Himmelspfeil auf Parhaspur, die dreifache Stadt. Weißglühender Rauch - zehntausendmal heller als die Sonne - erhob sich über der Ebene und legte die Stadt in Schutt und Asche."
Die Wirkung dieser als „Himmelspfeile" bezeichneten raketenartigen Geschosse glich in vielerlei Hinsicht unseren heutigen Massenvernichtungswaffen. Als ebenso verheerend aber werden im Rigveda die Blitze des Dorje beschrieben, die Indra gegen Writra schleuderte. Auch in diesem Fall ergeben sich Parallelen zu modernen Hi-Tech-Waffen, wie den Partikel-Strahlern und Lasergeschützen, die von der amerikanischen Luftwaffe im Rahmen des „Star-Wars"-Programms in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts erprobt wurden.
Die mächtige Waffe des „Gottes" Indra wurde irgendwann vor Tausenden von Jahren durch Menschen nachgebildet, welche die verheerenden Wirkungen dieser Waffe kannten, aber offensichtlich nichts von deren Funktionsweise verstanden. So wurde sie Bestandteil der religiösen Zeremonien des Hinduismus, bei denen besonders dem Opfer eine entscheidende Bedeutung zukommt. In späteren Jahrhunderten adaptierte die eher friedliebende, buddhistische Religion das Symbol der zerstörerischen Macht Indras und wandelte es zu einem Zeichen der Stärke und Macht um, das den Schutz höherer Mächte verhieß. Als Ritualgegenstand, dem religiöse Verehrung sowohl im Hinduismus, als auch im tibetischen Buddhismus entgegengebracht wurde und immer noch wird, eroberte der Dorje Asien. Aus einer einstmals (waffen-)technischen Vorrichtung ist so ein religiöses Symbol geworden.
Ganz besonders fällt diese Tatsache dem Besucher der Tempel von Swayumbonadh im heutigen Nepal ins Auge. Die Anlage von Swayumbonadh ist auf ihre Weise einzigartig. Auf einem Hügel über dem modernen Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, erheben sich dicht beieinander buddhistische Stupas und hinduistische Tempel. Sie sind auf dem gleichen Areal errichtet worden. Friedlich nebeneinander beten hier buddhistische Mönche und Hindus - die einen zum Begründer ihrer Religion, die anderen zu ihren zahlreichen Göttern. Zwischen den Tempeln und den zahlreichen Stupas findet sich auch die überdimensionale Statue eines Dorje. Es soll der größte sein, der in ganz Asien existiert. Dieser Dorje ist den Anhängern beider Religionen heilig. Das Abbild der Waffe des vedischen Sonnengottes Indra wird auch von den friedliebenden Buddhisten als Zeichen von Stärke und Schutz verehrt.
Die konkrete Funktionsweise des Dorje wird heute niemand mehr ohne weiteres rekonstruieren können - es sei denn, er versteht, in den vedischen Manuskripten zu lesen, die auf uralten Palmblättern niedergeschrieben sind. Die überlieferte Geschichte zeigt jedoch, daß diese Waffe eines als „Gott" angesehenen Wesens vor Jahrtausenden zum Mittelpunkt kultischer Verehrung und schließlich zum festen Bestandteil von Zeremonien und Ritualen zweier großer Weltreligionen wurde.
Literaturverzeichnis
Childress, David Hatcher Vimana Aircraft of Ancient India and Atlantis, 6. Auflage, Adventures Unlimited Press, Kempton / Illinois / USA, 1999
Drinnenberg, Erwin Von Ceylon zum Himalaja, Wegweiser-Verlag GmbH, Berlin, 1926
Ritter, Thomas Das Rätsel der Marienerscheinungen, 3. Auflage, CTT Verlag, Suhl, 1995
Ritter, Thomas & Ritter, Annett Dem Schicksal auf der Spur - Das Rätsel der Palmblattbibliotheken, CTT Verlag, Suhl, 1998
Waterstone, Richard Living Wisdom India, Duncan Baird Publishers, London, 1995