Die Römische Inquisition:

"... eine heilsame und gütige Einrichtung"

    von Dieter Vogl


Wer im Mittelalter zu widersprechen wagte wurde von der Inquisition angeklagt, unter Missachtung jeglicher Nächstenliebe brutal gefoltert und anschließend bestialisch ermordet. Giordano Bruno, Michael Servet, Jeanne d’Arc, Jan Hus, Hieronymus von Prag und viele andere wurden im Häretiker- und Ketzerwahn zum Tode verurteilt und verbrannten. Überall in Europa gab es diese Inquisitionsgerichte, die man, wie es so schön von den Klerikern formuliert wurde, „Tribunale des rechten Glaubens" nannte. Es gab sie in Deutschland, in Frankreich, den Niederlanden und vor allem in Spanien. Und, was selbst heute noch gelegentlich von katholischen Autoren und vor allem vom „Arbeitskreis Interdisziplinärer Hexenforschung" (AKIH) gerne abgestritten wird, es gab sie auch in Rom, direkt unter den Augen des Papstes.

Nicht selten ließen sich die hohen und allerhöchsten Würdenträger, wie im Falle der am 3. Juli 1570 gehängten Antonia Paleario, vom Delinquenten sogar Schriftstücke unterzeichnen, dass „nicht nur die Kirche im allgemeinen das Recht hat, Ketzer zu töten, sondern dass in gewissen Fällen selbst der Papst Hand anlegen kann". Hier wird Glaube zur Perversion und es ist letztlich kein Wunder, wenn sich in der damaligen Gesellschaft, in der jedes andere Denken mit Folter und Tod bestraft wurde, Widerspruch breit gemacht hat und die Machtstrukturen des Klerus vielerorts angegriffen wurden. Ebenso ist es kein Wunder, wenn sich die Großkirche gegen jegliche Angriffe von innen und außen zur wehr setzte und sich durch die Institution der Inquisition vor der allerorts immer wieder aufkeimenden Opposition schützen wollte.

Wenn wir also heute von Giordano Bruno sprechen, der eindeutig eine oppositionelle Haltung gegen die katholische, aber auch protestantische Geistlichkeit vertrat und auch verbreitete, müssen wir desgleichen von der Inquisition, vor allem von der „Römischen Inquisition" sprechen. Denn er war nicht der erste, der von einem marodierenden System wegen Häresie angeklagt und verbrannt wurde. Dennoch ist gerade sein Name sehr eng mit dieser unrühmlichen Institution der katholischen Kirche verbunden.

Aber wir könnten auch, um nur wenige einer unendlich langen Liste trauriger Schicksale zu nennen, den bretonischen Karmeliter Thomas Concecto (1432), den Menoriten Mollio (1533), den Waldenserprediger Gianoldo Vico Pasquali (1558) oder den Geistlichen Carnesecci (1567) als Opfer der „Römischen Inquisition" anführen. Von den vielen Juden, Ferdinand und Leokadia Alvarez (1643) seien hier nur als Beispiel genannt, ganz zu schweigen. Selbst vor Ausländern, die im Grunde genommen nicht in kirchliche, sondern weltliche Gerichtsbarkeit gefallen wären – historisch belegbar sind zwei Engländer (1581) und einen portugiesischer Jude (1635) – machte die päpstliche Willkür nicht halt. Giordano Bruno ist uns nur, unter all den vielen Leidgeprüften und in aller Nächstenliebe Gepeinigten, im Gedächtnis geblieben, weil er, zwar aus einfachem Hause und Verhältnissen stammend, dennoch kein einfacher, sondern im Geiste ein genialer Mann war.

Mit modernen Maßstäben betrachtet, müssten wir ihn als einen weitgereisten und belesenen, ja sogar als einen hochintelligenten, mehrere Sprachen sprechenden Mann von Welt bezeichnen, denn neben Neapel und Rom, führte der Lebensweg (den viele Autoren heute als Flucht vor der Inquisition bezeichnen) des exkommunizierten Dominikanermönchs nach Genf, Paris, London, Prag, Wittenberg, Frankfurt und, zurück nach Italien, über Venedig in viele andere italienische Städte.

Und Giordano Bruno hebt sich von den anderen Kirchenkritikern seiner Zeit vor allem durch einen Faktor ab: Während die meisten anderen reformatorisch tätigen Kirchenkritiker stets nur durch das gesprochene Wort gegen die fragwürdigen Dogmen, vor allem aber gegen die Intrigen und nachweisbaren Halbwahrheiten der Großkirche rebellierten, ging Bruno einen ganz anderen Weg. Er, ebenso wie Luther oder Calvin, nutzte die epochemachende Erfindung des Buchdrucks, um seinen Unmut kritisch gegen die Mutter Kirche vorzutragen. Er rebellierte mit dem geschrieben Wort und dieser Faktor hat ihn in letzter Instanz für die Kleriker so gefährlich und für uns unsterblich gemacht.

Währe der Nolaner der einzige gewesen, der sich zu dieser Zeit gegen den Klerus gewandt hätte, dann wären die kirchlichen Repressalien mit Sicherheit nicht so verheerend ausgefallen.

Häretiker, die Reue zeigten und in aller Öffentlichkeit ihre Thesen vorbehaltlos wiederriefen und Abbitte leisteten, wurden meisten, oftmals sogar noch in letzter Minute und schon auf dem Scheiterhaufen stehend, begnadigt. Der Malleus Haereticorum, den um ca. 400 u. Z. der Kirchenvater Hieronymus zur Züchtigung der Ketzer verfasst hatte, ließ diese Möglichkeit durchaus zu. Und sie wurde vor allem dann praktiziert, wenn es sich um einen Angehörigen des niederen oder höheren Klerus handelte. Die Todesstrafe wurde meistens in lebenslange Klosterhaft oder, handelte es sich um einen begüterten Häretiker, in Hausarrest umgewandelt.

Zu Zeiten Giordano Brunos fand jedoch, man könnte auch sagen es ist die Geburtsstunde der modernen Wissenschaft, eine regelrechte Bildungsrevolution statt. „Das alte kosmologisch-religiöse Weltbild, beruhend auf Astrologie, Magie, Alchemie und den Geheimwissenschaften, wurde revolutioniert durch die objektiven, experimentellen auf Erfahrungen beruhenden Wissenschaften. Die wichtigsten Vertreter der neuen Wissenschaften waren Galileo Galilei, Johannes Kepler, William Gilbert, der Entdecker des Magnetismus, William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes, Giordano Bruno, Francis Bacon und Rene Descartes.[1]"

Die Ausbreitung der neuen Wissenschaften wäre aber mit Sicherheit ohne die epochemachende Erfindung des Buchdrucks nicht möglich gewesen. Und Giordano Bruno wusste die Buchdruckkunst für sich sehr gut zu nutzen und die große Zahl seiner Publikationen, auch wenn ein Großteil davon verschollen ist, beweisen, dass er offenbar zu jener neuen Riege von Gelehrten gehörte, die zur Entstehung der modernen Wissenschaften in erheblichem Maße beitrugen. Aber, auch dies geht aus seinen Schriften eindeutig hervor, er gehörte auch zu jenen kritischen Menschen seiner Zeit, die fortwährend voller Misstrauen auf die ständig größer werdende Machtzunahme des ultramontanen Imperiums der katholischen Großkirche blickten und er gehörte zweifellos zu jenen großen Denkern seiner Zeit, die sich der moralischen und ethischen Mängel, dieses sich über ganz Europa ausbreitenden Molochs, bewusst waren. Wodurch es nicht ausblieb, dass er nahezu zwangsläufig zum Widersache der Kirche wurde und wegen seiner ketzerischen Ansichten jenen nie enden wollenden Konflikt heraufbeschwor, der unabwendbar nur mit seinem Tod enden konnte. Selbst wenn er seine Thesen, so wie es beispielsweise Galileo Galilei tat, widerrufen hätte, hätte ihn mit Sicherheit das selbe Schicksal wie 1570 Antonia Paleario ereilt. Auch sie hat nach schwerer Folter widerrufen. Zur „Belohnung" wurde sie nicht verbrannt, dafür aber gehängt, denn auch ein Widerruf hätte nicht seine Schriften aus der Welt schaffen können. Und in diesen war nun einmal die Saat des Widerspruchs gegen die päpstlichen Lehrsätze verewigt.

Zweifellos war die Saat des Widerspruchs, vor allem an jenen Wirkungsstätten aufgegangen an denen er seine Schüler unterrichtet hat. Außerdem hat sich mit Sicherheit die Inhaftierung Brunos sehr schnell in jenen Städten herumgesprochen, in denen er gewirkt hat.

Trotz der vielen Beweise, die für eine römische Inquisition sprechen, wird sie von einer Vielzahl katholischen Autoren bestritten. Heute, im Angesicht der Erkenntnisse die in den letzten Jahren in der historischer Forschung gemacht wurden, müssen wir jedoch konstatieren, dass es sie gab. Und Giordano Bruno war nur einer unter sehr vielen von erbarmungslos Gemarterten und sinnlos Getöteten.

Alleine der Fall Bruno würde uns also berechtigen, von einer römischen Inquisition zu sprechen. Die Beweise sind eindeutig. Der Hauptgrund für diese Aussage ist aber die Tatsache, dass Italien quasi das Mutterland des Katholizismus ist. Zwar war die römische Inquisition lange nicht so schlimm wie die französische, deutsche oder wie die extrem geartete spanische, aber dennoch ist es falsch davon zu sprechen, es hätte sie niemals gegeben.

Neben den uns heute noch bekannten Namen, gibt es zudem unzählige Dokumente die dies belegen. „Das Nachschlagewerk von Moroni, an dem Papst Gregor XVI. mitgearbeitet hat, nennt die römische Inquisition" [2] perfider Weise „eine heilsame und gütige Einrichtung [...] überaus süß und väterlich [3]".

Anmerkungen:

[1] „Hexen und Hexenangst" von Evelyn Heinemann, 1989, Seite 93

[2] „Hexenwahn" von Hans-Jürgen Wolf, Herrsching 1990

[3] „Das Papsttum in seiner sozial-kulturellen Wirksamkeit" Band 1 „Inquisition, Aberglaube, Teufelsspuk und Hexenwahn" von Graf von Hoensbroech, Leipzig 1900


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