Der 400. Todestag Giordano Brunos am 17. Februar 2000
von Nicolas Benzin
Zusammen mit Damaris Hubbert gründete ich am 12. Oktober 1992 in Eschwege (Hessen) die Giordano-Bruno-Gesellschaft zur Erforschung und Vermittlung von Kultur und Geschichte. Das Datum war nicht willkürlich gewählt. Zum einen feierte man an diesem Tag den 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, zum anderen sollte an diesem Tag eines der größten staatlich geförderten SETI-Projekte zur Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen starten. Auch Giordano Bruno stieß in noch unentdeckte Regionen vor, doch die Dimensionen seiner geistigen Reise waren ganz andere als die im Vergleich dazu recht bescheidene Wiederentdeckung Amerikas an der Schwelle des Spätmittelalters zur Neuzeit.
Die Überschreitung der Grenzen
Giordano Bruno "hat den menschlichen Geist und die Erkenntnis befreit, die in dem engen Kerker der irdischen Lüfthülle eingeschlossen waren und aus dem sie nur wie durch schmale Schlitze die entferntesten Sterne erblicken konnten." [Bruno, Das Aschermittwochsmahl, 91]Als der Mensch sich noch im Mittelpunkt eines von Schalen oder Sphären begrenzten Universums wähnte, "kam der Nolaner und hat die Lufthülle hinter sich gelassen, ist in den Himmel eingedrungen, hat die Sterne durchmessen, die Grenzen der Welt überschritten und die erdichteten Mauern der ersten, achten, neunten, zehnten und weiteren Sphären zerstört, die törichte Mathematiker und das blinde Sehen gemeiner Philosophen noch hätten hinzufügen wollen. So hat er für jeden, der Sinn und Verstand besitzt, mit dem Schlüssel unermüdlicher Nachforschung diejenigen Hallen der Wahrheit geöffnet, die sich überhaupt von uns öffnen lassen." [Bruno, Das Aschermittwochsmahl, 92]
Nachdem der Nolaner die Erde und mit ihr den Menschen aus der Mitte des Universums gerückt hatte, begann er auch an der Einzigartigkeit der Erde-Menschheit zu zweifeln. Und so ist auch die Brücke zur SETI-Forschung geschlagen: "So wissen wir jetzt, daß wir auf dem Monde oder auf anderen Sternen nicht an einem von der Erde sehr verschiedenen Ort leben würden, vielleicht sogar an einem schlechteren. Es kann aber auch andere, ebensogute Weltkörper geben wie die Erde und sogar solche von besserer Beschaffenheit, die ihren Bewohnern mehr Glückseligkeit gewähren." [Bruno, Das Aschermittwochsmahl, 92-93]
Vom 22. Februar bis 11. Oktober 1992 arbeitete ich an meinem prä-astronautischen Schauspiel Apotheose. Die Schulferien in jener Zeit gehörten voll und ganz dem Studium von heiligen Schriften untergegangener Kulturen, Sagen und Mythen. Schon bald zu Beginn der Arbeit kam mir der Gedanke, daß ich dem Schauspiel einen Sinnspruch voranstellen wollte. Daher suchte ich in einem entsprechenden Lexikon nach etwas Passendem. Bald wurde ich auch fündig. Was würde zu einem Schauspiel in dem Tatsachen mit fiktiven Dialogen verknüpft sind besser passen als der Spruch: Wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. Der Sinnspruch wurde einem Giordano Bruno (1548-1600) zugeschrieben. Also griff ich zu meinem Personenlexikon und informierte mich über diesen Naturphilosophen. Was ich las beeindruckte mich sehr und erschien mir auch wert, in dem Schauspiel verarbeitet zu werden.
Als Literaturquelle war die Bruno-Biographie von Jochen Kirchhoff angegeben. Auch diese habe ich mir besorgt - und so begann meine Beschäftigung mit Giordano Bruno.
Eine distanziertere Betrachtungsweise
Was den Sinnspruch angeht, so betrachte ich meinen ersten "dramatischen Versuch" heute distanzierter. Er ist das Ergebnis der Arbeit eines 18 Jahre alten Schülers der 12. Klasse und wahrscheinlich unaufführbar. Was aber zählt, ist die Auswirkung dieses Schauspiels auf die Entwicklung unserer Giordano-Bruno-Gesellschaft. Mein Werk präsentierte ich den Mitgliedern der damals von mir geleiteten Arbeitsgemeinschaft Geschichte am Oberstufengymnasium Eschwege. Bald kam man überein, sich zu der im Schauspiel erwähnten Gesellschaft zur Erforschung und Vermittlung von Kultur und Geschichte zusammenzuschließen. Wie ich immer gerne betone, besteht die Giordano-Bruno-Gesellschaft heute aus Mitgliedern der verschiedensten Alterstufen und mit den unterschiedlichsten Berufen.
Am 31. Oktober 1992, die evangelisch-lutherische Kirche feierte den Reformationstag, meldeten die ARD-Tagesthemen, daß das Urteil der Inquisition gegen Galileo Galilei durch den Papst aufgehoben worden sei. Galileis naturwissenschaftliche Erkenntnisse waren damit 350 Jahre nach seinem Tod auch kirchlicherseits anerkannt worden.
In der damaligen Annahme, daß der Fall Bruno ganz ähnlich gelagert sei, schrieb ich als Vorsitzender der Giordano-Bruno-Gesellschaft an die Römische Kongregation für die Glaubenslehre. Das war laut meinem Duden-Lexikon genau diejenige Behörde, die für die Verurteilung Brunos verantwortlich gewesen war. Zunächst unter dem Namen Inquisition, später als Heiliges Offizium. "Die im Zuge der Gegenreformation 1542 von Paul III. errichtete oberste Instanz für alle Glaubensgerichte (das `Hl. Offizium´) wurde erst auf dem 2. Vatikan. Konzil (1965) zur Glaubenskongregation umgewandelt, womit stillschweigend auf die I[nquisition] verzichtet wurde." [Duden: Lexikon A-Z, 319]
Ich fragte an, ob seine Heiligkeit (Johannes Paul II.) inzwischen auch beabsichtige, das Urteil gegen Giordano Bruno aufzuheben. Falls dies noch nicht in Erwägung gezogen worden sei, so wolle ich anregen, den Fall einmal zu prüfen.
Ein viertel Jahr später erhielt ich tatsächlich Antwort. Aber nicht von der Kongregation für die Glaubenslehre, sondern von der Apostolischen Nuntiatur in Bonn. Das ist die Vertretung des Heiligen Stuhls (als Vatikanstaat) bei der Bundesregierung, also eine staatlich-politische Einrichtung. Ganz Diplomat, teilte mir ein Monsignore und Nuntiaturrat mit, daß er mir im Auftrag der Kongregation für die Glaubenslehre schreibe und man den Inhalt meines Schreibens in Rom "gebührend gewürdigt habe". Besser hätte ich es als Amtsträger auch nicht schreiben können. "Der Einspruch hat Aussicht auf Erfolg, wenn er zulässig und begründet ist." [Frei nach dem Verwaltungsverfahrensgesetz des Bundes] Anscheinend war meine Eingabe weder zulässig noch begründet, denn bis heute habe ich nichts von einer Überprüfung des Bruno-Urteils vernommen. Aber war das wirklich zu erwarten? - Der 400. Todestag Giordano Brunos wäre hierfür ein angemessener Anlaß gewesen.
Galilei war Naturforscher, Physiker. Was Bruno nur naturphilosophisch, also spekulativ, begründen konnte, wurde von Galilei zum Teil naturwissenschaftlich nachgewiesen.
Aber offenbar sind die wissenschaftlichen Fakten und ihre Interpretation zweierlei. Daß Giordano Brunos Interpretation des kopernikanischen Weltbildes, des Wissens und des kosmischen Denkens der Alten mit dem christlichen Bild vom Kosmos und einigen Glaubenswahrheiten nicht in Einklang zu bringen ist, stellte erst kürzlich Jochen Winter heraus. [Winter, Giordano Bruno]
Im deutschen L´Osservatore Romano erschien am 13.11.92 auf den Seiten 9-10 die Ansprache von Papst Johannes Paul II. an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften vom 31. Oktober desselben Jahres, Galileo Galilei betreffend. [Johannes Paul II., Ansprache]
In Bezug auf die Naturwissenschaften zur Zeit Galileis sagte der Papst:
"Damals glaubte man, man müsse ein eindeutiges Ordnungsmodell vorlegen. Die komplexen Verhältnisse weisen aber gerade darauf hin, daß wer den Reichtum der Wirklichkeit berücksichtigen möchte, notwendig eine Vielzahl von Modellen braucht."
Hier werde erneut die Wichtigkeit der Philosophie deutlich, die sowohl die Erscheinungen als auch ihre Deutung in Betracht zieht.
"Und eben dies ist die Aufgabe der Philosophie: die Suche nach dem globalen Sinn der Erfahrungen und Phänomene, die die Wissenschaften zusammengetragen und analysiert haben."
Betrachtet man die Schriften Giordano Brunos, so müßte man eigentlich feststellen, daß er genau diese Forderungen des Papstes erfüllt hat. Er selbst hat ja keine praktische bzw. experimentelle Naturwissenschaft betrieben, sondern die Ergebnisse seiner astronomisch, mathematisch und sonst naturbeobachtend tätigen Vorgänger und Zeitgenossen verarbeitet. Die Konsequenzen dieser Naturbeobachtungen hat er in ihrer Bedeutung verstanden und in einem neuen, naturphilosophisch begründeten Weltmodell umgesetzt. Es standen ihm auch verschiedene Modelle zur Beurteilung und Analyse zu Verfügung: Das traditionelle aristotelisch-ptolemäische Modell und das kopernikanische, welches er ebenfalls sprengte und ins Unendliche erweiterte.
Was aber bedeutete der Fall Galilei dem Papst im Jahr 1992 ?
"Die diesem Fall zugrundeliegenden Probleme betreffen sowohl die Natur der Wissenschaft wie die der Glaubensbotschaft. Es ist daher nicht auszuschließen, daß wir uns eines Tages vor einer analogen Situation befinden, die von beiden Teilen ein waches Bewußtsein vom eigenen Zuständigkeitsbereich und seinen Grenzen erfordern wird."
Diese analoge Situation könnte recht schnell eintreten, nämlich dann, wenn eines der SETI-Projekte die Existenz der auch von Giordano Bruno angenommenen extraterrestrischen Zivilisationen nachweisen würde. Wie ließe sich diese neue, alte Tatsache mit der traditionellen Theologie vereinbaren? Die Einzigartigkeit der biblischen Schöpfung und des göttlichen Heilsplanes wäre dahin, war es eigentlich schon mit der neuen Kosmologie Giordano Brunos. Und es würde sich genau wieder die eine Frage stellen: Die Übereinstimmung der Wirklichkeit mit der Heiligen Schrift und der aus ihr abgeleiteten Theologie, Religionsphilosophie und Dogmatik.
Nun zitiert der Papst einen Brief Galileo Galileis vom 21.12.1613 in dem er erklärt:
"Wenn schon die Schrift nicht irren kann, so können doch einige ihrer Erklärer und Deuter in verschiedener Form irren."
Wenn dem aber so ist - und im Fall des kopernikanischen Systems war es ja so, wie auch die Kirche zugibt - wieso wurden und werden Andersdenkende verdammt, verbrannt, erhalten heute Predigtverbot und die Lehrerlaubnis wird entzogen? Es muß am System liegen. Wenn man den Glauben als unumstößliche Wahrheit predigt und nicht als wandelbare, neuen Tatsachen unterworfene Religionsphilosophie, dann ergeben sich natürlich enorme Schwierigkeiten neue Erkenntnisse in die Lehre zu integrieren.
Das erkennt in gewissem Sinne auch der Papst, wenn er sagt: "Es ist eine Pflicht der Theologen, sich regelmäßig über die wissenschaftlichen Ergebnisse zu informieren, um eventuell zu prüfen, ob sie diese in ihrer Reflexion berücksichtigen oder ihre Lehre anders formulieren müssen."
Giordano Bruno, Doktor der heiligen römischen Theologie, hat genau dies getan. Er hat nahezu sämtliche geistigen und wissenschaftlichen Ströme seiner Zeit aufgenommen, reflektiert und seine Lehre von Gott und der Welt an diesen neuen Erkenntnissen ausgerichtet.
Robert Bellarmin, so der Papst, hätte die wirkliche Tragweite der Auseinandersetzung zwischen Galilei und der Kirche erkannt. Nun, die Auseinandersetzung ging ja wohl eher von der Kirche aus. Galilei hätte sicherlich ohne die Beeinträchtigungen durch die Inquisition noch viele weitere naturwissenschaftliche Entdeckungen machen können. Aber zurück zu Bellarmin. Auch im Prozeß des Giordano Bruno spielte dieser Kardinal eine wesentliche Rolle und wurde letztendlich vielleicht zum Verhängnis für den Nolaner. So auch Paul Richard Blum in seinem neuen Buch: "Wäre es für den Gefangenen nicht um Leben und Tod gegangen, könnte man bemerken, daß seine Gegner nicht ohne Kompetenz waren und zentrale Anliegen seiner Philosophie erkannt hatten. Verurteilt wurde Bruno auf der Basis der acht häretischen Lehrsätze, die Bellarmino zusammengestellt hatte..." [Blum, Giordano Bruno, 149]
Robert Bellarmin, im traditionellen Sinne geistreichster Theologe seiner Zeit, hatte wohl in beiden Fällen - Bruno und Galilei - verstanden, worum es ging. Trotzdem oder gerade deswegen hat er es auch verstanden, die beiden Forscher mundtot zu machen.
Während Giordano Bruno bis heute verdammt ist und seine Schriften bis zur Abschaffung des Index der kirchlicherseits verbotenen Bücher Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts dort gelistet waren, wird Robert Bellarmin heute als Heiliger, Bekenner und Kirchenlehrer verehrt. [Deutsches Brevier] Der 13. Mai eines jeden Jahres ist sein Festtag.
Das Kirchengebet zu seinen Ehren lautet: "Gott, Du hast Deinen heiligen Bischof und Lehrer Robert mit einer wunderbaren Gelehrsamkeit und Tugend ausgestattet, so daß er die feindlichen Irrlehren abwehren und die Rechte des Apostolischen Stuhles verteidigen konnte; gib durch seine Verdienste und Fürsprache, daß wir in der Liebe zur Wahrheit wachsen und daß die Irrgläubigen zur Einheit Deiner Kirche zurückkehren; durch unsern Herrn."
Papst Benedikt XIV. soll Bellarmin als den Hammer der Irrgläubigen bezeichnet haben und von sich selbst soll er gering gedacht und eine wunderbare Herzenseinfalt besessen haben. [Deutsches Brevier]
Den Fall Galilei zusammenfassend, führt der Papst aus: "Der Irrtum der Theologen von damals bestand dagegen am Festhalten an der Zentralstellung der Erde in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert. [...] Tatsächlich beschäftigt sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird. Es gibt also zwei Bereiche des Wissens. Der eine hat seine Quelle in der Offenbarung, der andere aber kann von der Vernunft mit ihren eigenen Kräften entdeckt werden. Zum letzteren Bereich gehören die experimentellen Wissenschaften und die Philosophie."
Giordano Bruno hat auf den Ergebnissen der experimentellen bzw. beobachtenden Wissenschaften aufbauend seine Naturphilosophie betrieben und Aussagen über die physische Welt gemacht. Sein Fehler war nur, daß er darüber hinaus der Ketzer war, der Gott im All begegnete. (Carl Schuster)
Blum, Paul Richard
Giordano Bruno, München: C. H. Beck, 1999
Bruno, Giordano [1584]
Das Aschermittwochsmahl, Frankfurt am Main: Insel Verlag, 1981
Johannes Paul II.
"Schmerzliches Mißverständnis im `Fall Galilei´ überwunden: Ansprache von Papst Johannes Paul II. An die Päpstliche Akademie der Wissenschaften am 31. Oktober 1992" in: Deutscher L´Osservatore Romano (13.11.92): S. 9-10
[www.stjosef.at/dokumente/papst galilei.htm, 21.11.99 um 1:57 Uhr]
Meyers Lexikonredaktion (Hrsg.)
Duden: Lexikon A-Z, Band II, 4., neu bearb. Aufl., Augsburg: Weltbild Verlag, 1995
Schenk, Johann (Hrsg.)
Deutsches Brevier: Vollständige Übersetzung des Stundengebetes der römischen Kirche, Erster Band: Advent bis Pfingsten, 2. Aufl., Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, o.J. [www.immaculata.ch/verlag/brevier1 931.htm, 21.11.99 um 2:04 Uhr]
Winter, Jochen
Giordano Bruno: Eine Einführung, Düsseldorf: Parerga Verlag, 1999