Der Hypothesenrahmen der Schriften Erich von Dänikens:
Von der Neuinterpretation der Geschichte zur Paläo-SETI-Philosophie
von Nicolas Benzin
Erich von Däniken (* 1935) stellte in seinem am 1. April 1964 in der Zeitschrift Neues Europa erschienenen Artikel "Von der Epoche von gestern zur Ära von morgen" verschiedene Überlieferungen der Erzähltradition alter Völker und solche religiöser Art vor, die mehrere Fragen aufwerfen: "Die Menschheit besitzt eine große Sammlung von phantastischen Märchen und sagen welche - `modern´ übersetzt - plötzlich einen ganz anderen Sinn erhalten würden. Ich denke beispielsweise an die Märchen von 1001 Nacht. Woher, so frage ich mich, kommt die Ursprungsidee all dieser Sagen, Geschichten, Legenden, welche auf unserem Globus zerstreut, irgendwie ständig dasselbe berichten?" [1]
Diese Fragestellung sollte, neben archäologischen Gegebenheiten, zum Kernproblem der Prä-Astronautik werden.
"Was immer unsere Archäologie zutage bringt, wird ins Religiöse `übersetzt´, weil bis heute keine andere, vernünftige Lösung in die Augen sprang. Womit ich keineswegs behaupten will, diese religiösen Versionen und Deutungsversuche wären falsch. Ich versuche lediglich, den ganzen Fragenkomplex auch von der anderen, meinetwegen `verrückten´ Seite zu betrachten." [2]
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Dr. h. c. Erich von Däniken |
Diese "verrückte" Seite war die Gleichsetzung der Götter des Altertums mit außerirdischen Raumfahrern, die die noch primitive Menschheit aufgrund technischer Unkenntnis für allmächtige Götter hielt.
Bereits 1964 war die Tragweite dieser Neuinterpretation alter Überlieferungen zu erkennen:
"Es wird von der Beantwortung dieser neuen Fragen abhängen, ob ein Teil unserer Wissenschaft vor der Totalrevision und ein Teil unserer Religionen vor dem Konkurs steht." [3]
Am Ende seines Beitrages rief Erich von Däniken dazu auf, die auf der Erde gefundenen "Kultgegenstände" und die entzifferten Schriften von beiden Seiten - der traditionellen und der neuen Prä-astronautischen - zu betrachten: "Die Diskussion ist eröffnet!" [4]
Nachdem Erich von Däniken sich in der Zeitschrift Neues Europa in weiteren Beiträgen mit der möglichen Neuinterpretation der Geschichte beschäftigt hatte, veröffentlichte er am 8. Dezember 1964 in der in Kanada erscheinenden Zeitung Der Nordwesten seinen großangelegten Artikel "Hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltraum?". In diesem Aufsatz ging Erich von Däniken der Frage nach, ob wir eine "Utopische" Vergangenheit besitzen, ob in alten Zeiten fremde Weltraumfahrer unsere junge Zivilisation besuchten, ob Archäologie und Paläontologie auf falschen Voraussetzungen beruhen und ob in unseren Religionen Überbleibsel alter technischer Anweisungen zu finden sind.
"Die Bilanz aus all diesen Möglichkeiten ist verwirrend. Vorderhand steht überhaupt nichts fest und das Ganze ist lediglich eine Hypothese welche, ich möchte dies wiederholen, keinen Wahrheitsanspruch erhebt. Doch scheint mir, daß der viel verlästerte Fortschritt uns hier Tore öffnet, welche unser gesamtes, historisches, philosophisches und religiöses Weltbild über den Haufen werfen könnte. Unsere sämtlichen großen Religionen haben im Altertum ihren Ursprung. Die Katastrophe wäre kaum auszudenken, sollte sich plötzlich feststellen lassen, daß einige der alten Götter gar keine Götter, sondern Raumfahrer gewesen waren...!" [5]
Seine Motivation, diese "Theorie der utopischen Vergangenheit" der Öffentlichkeit vorzustellen, beschrieb Erich von Däniken folgendermaßen:
"Ich schreibe diese Dinge mit ruhiger Unverfrorenheit, und bin mir voll bewußt, damit den Aposteln der Unbelehrbarkeit lediglich ein verkrampftes, mitleidiges Lächeln entlocken zu können. Das Bild, welches ich hier entwerfe, entspricht auch keineswegs den sanktionierten, `einzig wahren´ Vorstellungen. Doch stört dies jemanden - ? Heute sind ohnehin sämtliche Formen der Phantasie in Bewegung geraten, und die Brandung der Zukunft spült unablässig an unserer Vergangenheit. Es ist daher keineswegs überraschend, wenn ich eine Theorie, die früher oder später zur geistigen Explosion führen kann, verbreite. Und ich trete in diesen `Lagerraum des Unwahrscheinlichen´, weil ich es nicht mehr aushalte, tatenlos zuzusehen, wie unsere eigene Vergangenheit stur nur von einer Seite her betrachtet und untersucht wird. Und all dies, weil sie eben `Vergangenheit´ ist, und damit `logischerweise´ nur primitiv und aufbauend gewesen sein soll... Welch stumpfe, verfilzte und abgenutzte Anschauung! Wir haben ein Sammelsurium einzigartiger Tatsachen vor uns, und betrachten sie au eine banale, mittelalterliche und überlebte Weise. (Weil es ja, - wie der `normale´ Mensch empfindet, - gar nicht anders gewesen sein könne...).
Die Anfänge der Technik und Startschüsse einiger Religionen können aber durchaus `anders´ gewesen sein, als wir sie bis jetzt für einzig richtig hielten. Wobei ich, - und der kritische Leser beachte diese Konzession, - keineswegs Wahrheitsanspruch auf diese Theorie der `Utopischen Vergangenheit´ erhebe." [6]
Im Jahr 1968 erschien dann Erich von Dänikens richtungsweisendes Buch Erinnerungen an die Zukunft: Ungelöste Rätsel der Vergangenheit, in dem er einem weltweiten Lesepublikum seine "Götter-Astronauten-Theorie" vorstellte:
"Im grauen Altertum hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall! Wenn wir auch heute noch nicht wissen, wer immer diese außerirdische Intelligenz war und von welchem fernen Stern sie herniederkam, so bin ich doch überzeugt, daß diese `Fremden´ einen Teil der damals existierenden Menschheit vernichteten und einen neuen, vielleicht den ersten homo sapiens zeugten." [7]
Erich von Däniken gelang es, eine weltweite Diskussion über die Götter-Astronauten-Theorie auszulösen und wie kein anderer Forscher vor ihm, eine breite Öffentlichkeit für die Thematik zu interessieren. Aufgrund seines umfangreichen Werkes und seines hohen Bekanntheitsgrades, gilt Erich von Däniken heute als der bedeutendste Paläo-SETI-Forscher.
Erich von Däniken erweiterte und präzisierte 1977 seine Theorie um verschiedene evolutions-biologische Aspekte:
"In vorgeschichtlichen und frühgeschichtlichen Zeiten erhielt die Erde mehrmals Besuche von unbekannten Wesen aus dem All. Diese unbekannten Wesen schufen die menschliche Intelligenz durch eine gezielte, künstliche Mutation. Die Außerirdischen veredelten die Hominiden `nach ihrem Ebenbild´.
Deshalb haben wir Ähnlichkeit mit ihnen. Jene nicht Ähnlichkeit mit uns. Die Erdenbesuche fremder Wesen aus dem Weltall wurden in Religionen, Mythologien und Volkslegenden registriert und überliefert - irgendwo durch das Depot von Zeichen ihrer Anwesenheit markiert." [8]
Nach über dreißigjähriger Forschungsarbeit führte Erich von Däniken 1995 in seinem Buch Der Jüngste Tag hat längst begonnen: Die Messiaserwartungen und die Außerirdischen eine "Paläo-SETI-Philosophie" ein. Es handelt sich dabei "um ein Gedankengebäude, das den Sinn oder Unsinn in den bisherigen religiösen Anschauungen erhellt und die Bahn für eine neue Denkrichtung öffnet. Es geht in gar keinem Fall um eine neue Religion oder, wie Kritiker hämisch vermerken, eine `Ersatzreligion´." [9]
Erich von Däniken will mit dieser neuen Betrachtungsweise die uralten Legenden und Religionen in ein modernes Licht heben. Es geht um die zeitgemäße Betrachtung von uralten Menschheitsfragen, die - das gibt er unumwunden zu - vom Zeitgeist beseelt ist.
"Natürlich bleibt das Gedankengebäude vorerst Theorie, auch wenn es in manchen Bereichen längst aus dem theoretischen Stadium heraus ist. Die PALÄO-SETI-PHILOSOPHIE ist ein Gebäude, das viele bislang völlig unerklärliche Aspekte der Religionsüberlieferung vernünftig abzudecken vermag. Auf jeden Fall macht die zeitgemäße Betrachtung mehr Sinn als die theologischen Klimmzüge, die uns seit Jahrtausenden nicht weiterbrachten und nur wegen des Diktats, daran glauben zu müssen, überlebten." [10]
Erich von Däniken plädiert dafür, die heiligen Texte ohne den Hintergrund des Glaubens, ausschließlich auf wissenschaftlicher Basis zu interpretieren. Erst dann könne sachlich diskutiert werden, denn unsere Vorstellungen von der Heiligkeit dieser Schriften blockiere eine zeitgemäße Analyse.
"Im Sinne der exakten Wissenschaft sind die Erkenntnisse der Theologie unbrauchbar. Sie stecken voller Widersprüche und bleiben schließlich Glaubens- und Gefühlssache der betreffenden Schule. Dasselbe gilt für die PALÄO-SETI-PHILOSOPHIE. Nur zeigt letztere eine klare Linie, die das Unverständliche verständlich macht und der Vernunft entgegenkommt. Die PALÄO-SETI-PHILOSOPHIE bringt Sinn in den vorgestrigen Unsinn. Etliche Okkultisten könnten eigentlich ihre Lampen löschen und die Männer geheimer Bruderschaften ihre Kutten ausziehen. Jahrtausendelang hervorragend verkaufte Glaubensware wird immer schwerer an den Mann zu bringen sein. Erst durch das Wissen der Gegenwart wird eine verständliche Interpretation der Vergangenheit möglich." [11]
Die Paläo-SETI-Philosophie sei rational begründbar, decke als Theorie viele Einzelfragen ab, bestätige manchen alten Text und biete Antworten, die den Überlieferungen gerecht würden - ohne den geringsten Glauben zu verlangen.
Kernpunkt der Paläo-SETI-Philosophie ist die Interpretation des Wiederkunftsgedankens (der Messiaserwartungen) als Rückkehr jener Außerirdischen, die in alten Zeiten unsere Vorfahren besucht haben. [12]
Viele Autoren haben sich in den letzten 30 Jahren direkt oder indirekt den Hypothesenrahmen Erich von Dänikens zu eigen gemacht. Die anhand der Quellentexte dargestellten Hypothesen werden dabei in der "klassischen" Paläo-SETI-Forschung inzwischen weitgehend als bekannt vorausgesetzt oder erst im Verlauf eines Buchtextes eingeflochten. Ausgehend von den Grundhypothesen Erich von Dänikens hat sich ein breites Spektrum von Forschungsarbeiten mit den verschiedensten Belegen zur Stützung dieser Hypothesen entwickelt.
Anmerkungen:
[1] Däniken, Von der Epoche, 3
[2] Däniken, Von der Epoche, 3
[3] Däniken, Von der Epoche, 3
[4] Däniken, Von der Epoche, 3
[5] Däniken, Besuch aus dem Weltraum
[6] Däniken, Besuch aus dem Weltraum
[7] Däniken, Erinnerungen, 22
[8] Däniken, Beweise, 7
[9] Däniken, Der Jüngste Tag, 64
vgl. Benzin, Die Stellung der AAS
vgl. Benzin, Extraterrestrische Kontaktbewegung,...?
Dr. Walter Raymond Drake hatte bereits 1988 von einer "Ancient-Astronaut-Philosophie" gesprochen, vgl. Drake, Offener Brief, 5
[10] Däniken, Der Jüngste Tag, 72
[11] Däniken, Der Jüngste Tag, 73-74
[12] Däniken, Der Jüngste Tag, 192
Literatur:
Benzin, Nicolas
"Die Stellung der AAS im Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen", S. 13-15 in: Ancient Skies 19:5 (Sept./Okt. 1995)
Benzin, Nicolas
"Extraterrestrische Kontaktbewegung, Weltuntergangssekte, faschistisches Gedankengut? - Unklarheiten über den Status der AAS bei Wissenschaftlern und Journalisten", S. 14-17 in: Ancient Skies 20:2 (März/April 1996)
Däniken, Erich von
"Von der Epoche von gestern zur Ära von morgen", S. 3 in: Neues Europa Nr. 7/64 (1. April 1964)
Däniken, Erich von
"Hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltraum?", in: Der Nordwesten (8. Dez. 1964)
Däniken, Erich von [1968]
Erinnerungen an die Zukunft: Ungelöste Rätsel der Vergangenheit,
München: C. Bertelsmann, 1992
Däniken, Erich von
Beweise: Lokaltermin in fünf Kontinenten,
Düsseldorf; Wien: ECON, 1977
Däniken, Erich von
Der Jüngste Tag hat längst begonnen: Die Messiaserwartungen und die Außerirdischen,
München: C. Bertelsmann, 1995
Drake, Walter Raymond
"Offener Brief an die Leser und Herausgeber von MYSTERIA", S. 4-5 in: MYSTERIA 10:67 (Heft 1/1988)
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